Differenzsemantik

im Kampf der Ideologien

Judith Arnold, Zürich, den 11.03.2007

 

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Um die eigene Zielgruppe zu erreichen und sich vom gegnerischen Lager abzugrenzen, weisen Abstimmungsplakate Begriffe und Symbole auf, die eine klare Position erkennen lassen. So steht die rote Farbe für die "bolschewistische Gefahr" und der Mann in Frack und Zylinder prototypisch für "Kapitalismus". Besonders auffällig sind die negativen Fremddarstellungen.

Die rote Figur auf dem Plakat zur Regelung der Arbeitszeit bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben zeigt russische Züge und verweist damit auf die Oktoberrevolution der Bolschewisten 1917 und ihre möglichen negativen Einflüsse im eigenen Land (vgl. Stämpfli 2003: 49f.). Die mutwillige Blockierung der Eisenbahn und die angehäuften Schulden zeigen die befürchteten Folgen bei Annahme der Vorlage. Auf dem Plakat rechts wird die linke Vorlage zur Vermögensabgabe und zur Sanierung des Staatshaushalts ebenfalls äusserst negativ bewertet durch die Figur des roten Narren, der augenzwinkernd und also absichtlich destruktiv handelt. Durch die negative Fremddarstellung wird das Ethos des politischen Gegners untergraben, was ihm die Unterstützung im Stimmvolk entziehen soll (zu Kommunismus und Anti-Kommunismus auf Plakaten vgl. Meylan/Maillard/Schenk 1979: 10, 11, 36, 47f.54ff., 81, 112f., ; Blum 1995: 140ff.; Buton/Gerverau 1989; Gervereau 1991).

Links: Bundesgesetz betreffend die Arbeitszeit beim Betriebe der Eisenbahnen und anderer Verkehrsanstalten (angenommen). Rechts: Eidgenössische Volksinitiative 'für die Einmalige Vermögensabgabe' (abgelehnt).
Abstimmungs-Nr. 84 Datum: 31. Okt. 1920
Grafik: Atelier Häusler (Kümmerly & Frey AG, BE)
Quellen: Meylan/Maillard/Schenk 1979: 112 (fr)
Sammlungen: MfGZ 20-925
 
Abstimmungs-Nr. 93 Datum: 3. Dez. 1922
Grafik: Emil Cardinaux (Wolfsberg, Zürich)
Quellen: Meylan/Maillard/Schenk 1979: 58; Stirnimann/Thalmann 2001: 129
Sammlungen: MfGZ 13-712; SfG 17194; SNB o.S.

 

Klassenkämpferische Plakate haben sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten. Der "Kapitalist" auf dem linken Plakat geht scheinbar achtlos mit Wohnhäusern um und der "Kapitalist" auf dem rechten Plakat hat Blut auf der weissen Weste. Das aktiviert gleich mehrere semantische Felder: Zunächst erinnert das Bild an den Phraseologismus "eine weisse Weste haben", was soviel bedeutet wie unbescholten sein. Das Blut erinnert an den nominativen Phraseologismus "Blutsauger" und an den propositionalen Phraseologismus "Blut an den Händen haben", was auf ausbeuterisches bis kriminelles Verhalten hindeutet. Damit werden der "Bankenmacht" unredliche Machenschaften unterstellt, denen mit der Vorlage Einhalt geboten werden soll. Der zweiteilige Bildaufbau - oben saubere Weste, unten blutverschmierte Weste - bildet zudem einen Gegensatz (Antithese), der zeitlich als "vorher/nachher" gelesen werden kann. Die im Bild zugrunde liegende Argumentation lautet demnach, dass das Bankgeheimnis aufgehoben werden soll, um den Missbrauch im Bankenwesen zu beseitigen.

Links: Eidgenössische Volksinitiative 'zum Schutz des Bodens und der Arbeit durch Verhinderung der Spekulation' (abgelehnt). Rechts: Eidgenössische Volksinitiative 'gegen den Missbrauch des Bankgeheimnisses und der Bankenmacht' (abgelehnt).
Abstimmungs-Nr. 152 Datum: 1. Okt. 1950
Grafik: Buchdruckerei VSK, Basel, (Genossenschaftsdruckerei, Basel)
Quellen: Meylan/Maillard/Schenk 1979: 146
Sammlungen: MfGZ 0-212; SfG 9933; SNB o.S.
 
Abstimmungs-Nr. 319 Datum: 20. Mai. 1984
Grafik: Stephan Bundi (Albin Uldry, Bern)
Quellen: n.n.
Sammlungen: MfGZ 44-81; SfG 31178;
SNB Pk 6571; Sozarch_F_Pc-0107

 

Literatur:

Blum, Roger (1995): Kanonenschüsse, Hetztiraden und Schalmeienklänge. Vom kriegerischen zum zivilen Missbrauch der Massenmedien. In: Imhof, Kurt/ Schulz, Peter (Hrsg.): Medien und Krieg - Krieg in den Medien. (= Reihe Mediensymposium Luzern, Band 1). Zürich, S. 137-150.

Buton, Philippe/ Gerverau, Laurent (1989): Le couteau entre les dents. 70 ans d'affiches communistes et anticommunistes. Paris.

Gervereau, Laurent (1991): La propagande par l'affiche. Paris.

Meylan, Jean/ Maillard, Philippe/ Schenk, Michèle (1979): Bürger zu den Urnen. 75 Jahre eidgenössische Abstimmungen im Spiegel des Plakats. Lausanne.

Stämpfli, Regula (2003): Vom Stummbürger zum Stimmbürger. Das Abc der Schweizer Politik. Zürich.

Stirnimann, Charles/ Thalmann, Rolf (2001): Weltformat – Basler Zeitgeschichte im Plakat. (Ausstellung, Historisches Museum Basel, 20.01. bis 16.04.2001), Basel.

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